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Zwölf Briefe an Niemand

Episode 1 — Erster Brief

Zwölf Briefe an Niemand

Erster Brief

Episode 1 · 284 Wörter · 1 Min. Lesezeit

Vierundzwanzig Jahre Zustellbezirk, und Holger Reineke hatte in dieser Zeit gelernt, dass eine Adresse mehr über einen Menschen sagt als sein Name.

Der erste Brief kam an einem Donnerstag im März.

*An Frau Selma Roth, Kastanienallee 19, Hinterhaus, 3. Stock links.*

Die Kastanienallee 19 gab es. Das Hinterhaus gab es. Den dritten Stock links gab es, und dort wohnte seit neun Jahren ein Ehepaar Ziegler, das Holger jeden Morgen grüßte und dessen Katze ihn nicht mochte.

Eine Selma Roth gab es nicht. Nicht im Haus, nicht in der Straße, nicht im Bezirk. Holger prüfte es, weil man das prüft.

Er legte den Brief in das Fach für Unzustellbares, und damit hätte es enden können.

Am folgenden Donnerstag kam der zweite Brief. Gleiche Handschrift, gleiche Adresse, kein Absender. Am Donnerstag darauf der dritte.

Beim fünften fiel Holger auf, dass die Briefmarken alt waren. Nicht ungültig — alt. Ausgaben aus den Achtzigern, sauber, ungestempelt, wie aus einem Album.

Beim siebten fing er an, schlecht zu schlafen.

Beim neunten nahm er einen mit nach Hause, und er hätte das nicht tun dürfen, und er wusste es, während er es tat.

Er öffnete ihn am Küchentisch, mit dem Brotmesser, sorgfältig an der Kante entlang.

*Liebe Selma,*

*ich schreibe Dir weiter, obwohl ich weiß, dass es Dich nicht gibt. Das ist keine Verzweiflung. Das ist Methode.*

*Wenn Du diese Zeilen liest, dann ist es soweit: Dann hat jemand einen Brief geöffnet, der nicht für ihn bestimmt war, und damit hat er angefangen zu existieren, für den es Dich gibt.*

*Guten Abend, Herr Reineke.*

Holger saß in seiner Küche, und die Uhr über dem Herd war die einzige, die etwas sagte.

Der Brief war auf den vierzehnten März datiert. Neunzehnhundertsechsundachtzig.

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