Deniz Arslan hatte den Kalender im Kopf, obwohl sie sich geschworen hatte, ihn nicht im Kopf zu haben. Achtundzwanzig Tage. Dann Schlüssel abgeben, Dienstwaffe abgeben, und irgendwer würde eine Rede halten, in der das Wort „Institution" vorkam.
Sie war seit einunddreißig Jahren bei der Kripo und hatte in dieser Zeit gelernt, dass die letzten vier Wochen die gefährlichsten sind. Nicht wegen der Täter. Wegen der Versuchung, noch etwas zu Ende zu bringen.
Der Anruf kam um 6:15 Uhr.
„Weichselstraße, Hinterhof", sagte die Leitstelle. „Männlich, Mitte vierzig. Sieht nach Sturz aus."
„Und warum ruft ihr dann mich an?"
„Weil der Kollege vor Ort sagt, es sieht *zu sehr* nach Sturz aus."
Deniz nahm den Kaffee mit.
Der Hof war schmal, feucht, mit dieser Neuköllner Mischung aus Fahrradleichen und Mülltonnen, die niemandem gehören. Der Tote lag auf dem Rücken, ordentlich, fast entspannt, unter einem Fenster im dritten Stock, das offen stand.
Deniz sah lange nach oben und dann lange nach unten.
„Was stört Sie?", fragte der junge Kollege.
„Seine Schuhe", sagte sie.
„Was ist mit den Schuhen?"
„Sie sind sauber." Sie ging in die Hocke. „Es hat die ganze Nacht geregnet. Dieser Hof ist eine Pfütze. Der Mann ist aus dem dritten Stock gefallen, aber er ist nicht durch diesen Hof gegangen."
Sie stand auf, und ihre Knie meldeten sich, wie sie es seit drei Jahren taten.
„Er ist nicht hier heruntergefallen", sagte Deniz. „Er ist hier abgelegt worden."
Achtundzwanzig Tage. Sie wusste schon jetzt, dass sie nicht reichen würden.