Nour Adhami mochte den Morgen, weil Halbrund um diese Zeit noch niemanden ansah. Das Licht kam flach über die Bucht, brach sich in vierzigtausend Fassaden und machte die Stadt für zwanzig Minuten undurchsichtig. Danach wurde sie wieder, was sie war: ein Ort, in dem man beim Frühstück den Nachbarn beim Frühstück zusah.
Sie war seit elf Jahren Statikerin im Amt für Tragwerk. Ihre Arbeit bestand darin, den Lasten zu glauben, die das Glas trug, und den Zahlen zu misstrauen, die das behaupteten. An diesem Dienstag misstraute sie einer Zahl im Sockelgeschoss von Block C.
Der Wert war nicht falsch. Er war gar nicht da.
Nour vergrößerte den Plan, bis das Raster in Pixel zerfiel. Zwischen den Achsen zwölf und vierzehn lag ein Feld ohne Eintrag — kein Träger, keine Last, keine Kennung. Als hätte jemand ein Zimmer aus dem Haus geschnitten und die Wände darum zugezogen.
Sie rief die Historie auf. Vierundzwanzig Änderungen seit der Errichtung, alle mit Kürzel, Datum, Begründung. Die fünfundzwanzigste hatte kein Kürzel.
Nour lehnte sich zurück. Durch die Glaswand gegenüber sah ihr Kollege Peders von seinem Schirm auf, hob die Hand, lächelte. Sie lächelte zurück und merkte, dass sie zum ersten Mal seit elf Jahren überlegte, ob er sehen konnte, was auf ihrem Bildschirm stand.
Sie konnte es nicht ausschließen. Das war ja der Punkt an dieser Stadt.
Am Abend schrieb sie den Fundbericht und löschte ihn wieder. Dann nahm sie ein Blatt Papier — echtes, weißes, undurchsichtiges Papier — und notierte darauf zwei Zahlen und ein Wort. Achse zwölf. Achse vierzehn. Nichts.
Papier war in Halbrund nicht verboten. Es fiel nur auf.