Ilmar Vent zeichnete nur Orte, die niemand mehr kannte, und das war weniger eine Berufung als eine Notwendigkeit: Die Orte kamen zu ihm, und wenn er sie nicht zeichnete, gingen sie ganz.
Sein Atlas hatte inzwischen vierhundertelf Seiten. Auf Seite eins war ein Dorf namens Hovsk, das seit dem Krieg auf keiner Karte mehr stand. Auf Seite zweiundneunzig eine Brücke, die abgerissen worden war, bevor Ilmars Großmutter geboren wurde. Auf Seite dreihundertsieben ein Zimmer — nur ein einzelnes Zimmer, mit einem Fenster nach Osten —, an das sich in der ganzen Welt noch genau ein Mensch erinnerte, und dieser Mensch war neunzig und wohnte in Riga.
Ilmar arbeitete nachts, weil die Orte nachts deutlicher waren. Er benutzte Tusche, weil Tusche bleibt.
Am dritten Oktober fehlte Seite einhundertzwölf.
Er merkte es nicht am Atlas — der Atlas sah aus wie immer, die Seiten waren durchnummeriert und lückenlos, einhundertelf, einhundertzwölf, einhundertdreizehn. Er merkte es daran, dass er sich nicht erinnern konnte, was auf einhundertzwölf gewesen war.
Ilmar saß sehr lange vor der Seite.
Sie war nicht leer. Darauf war eine Karte, sauber gezeichnet, mit seiner Hand, mit seiner Tusche. Ein Küstenstreifen, eine Straße, vierzehn Häuser, ein Turm.
Er hatte diesen Ort nie gesehen. Er hatte ihn nie gezeichnet. Und unten rechts, wo er seit dreißig Jahren sein Kürzel setzte, stand ein anderes.
Ilmar legte den Stift hin.
Wenn ein Ort verschwindet, sobald ihn niemand mehr kennt — was passiert dann mit einem Kartographen, an den sich niemand mehr erinnert?
Er schlug Seite eins auf, um sich zu vergewissern, dass Hovsk noch da war.
Hovsk war noch da. Aber es hatte jetzt fünfzehn Häuser.